01.10.11

Interview mit dem Buchautor Andreas Sterntal

Vor einigen Wochen kam der Roman "Brieffreundschaft mit einem Abzocker" in die Buchläden, in dem ein Kenner der Szene seine Erfahrungen in einer fitiven Geschichte zusammengefasst hat. Das war ein Anlass für Claus Frickemeier (CF), mit dem Autor des Buches, Andreas Sterntal (AS), mal ein Interview zu führen. Der interessante Roman ist heute aktueller denn je, wenn man sich die realen Entwicklungen in den Netzwerken der Abzockbranche genauer anschaut.

CF: ... Was war eigentlich Ihre Motivation gewesen, dieses Buch zu verfassen?

AS: ... ch bin in ca. Anfang 2008 auf eine Abofalle des Frankfurter Kreisels, ich glaube www.namen-und-ahnen.de über ein Pop-up-Fenster mit Napoléon, und der provokanten Frage - wissen Sie, mit wem Sie verwandt sind – hereingefallen. Als gleich die freche zweite Mahnung dann ankam, konnte ich mich nur noch daran erinnern, auf der Seite zuletzt den Preishinweis gesehen zu haben und weggeklickt zu haben. Dennoch lag sie da, die freche Mahnung und hat mir den Abend versaut. Ich war schon drauf und dran das Ding zu bezahlen, nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn.“ Das hat so in etwa den gleichen Effekt, wie ein Ticket wegen Falschparkens oder zu Schnellfahrens, dann habe ich aber angefangen, mich dafür zu interessieren was und vor allem wer dahinter steckt und habe am nächsten Morgen gegoogelt. Was soll ich sagen, da waren ja haufenweise Blogs, Foren und Portale, voll mit Tausenden von Leuten, denen es genau wie mir gegangen war. Also habe ich das Teil fachgerecht entsorgt und mir nichts weiter gedacht. Dann kam aber gleich das noch dreistere Schreiben von der Anwältin Katja Günther mit der Androhung eines negativen Schufa-Eintrags.

CF: Aber zu dem Buch ist es doch noch ein langer Weg?

AS: Ja, sicher, ich fing also an, mich für die Jungs und Tanten hinter den Abofallen zu interessieren und habe so allmählich im Laufe der Zeit sehr viel ausbuddeln können. Später, als ich mich schon ganz aus der Szene verabschieden wollte, fanden Einige das sehr schade, weil sie meinten, dass ich zum Einen doch sehr viel Hintergrundwissen hätte und zum Anderen, das auch literarisch verarbeiten könnte und sollte. Das war dann das Initial zu dem Buch gewesen.

CF: Du sagst, es hätte Blogs und Foren mit den Einträgen Tausender Leute gegeben. Kannst Du ein Gefühl dafür vermitteln, wie viel Betroffene das damals waren?

AS: Oh je, allein mein Liebling www.namen-und-ahnen.de war Thema von mindestens 4 eigenen Blogs, die sich ausschließlich mit dieser einzigen Webseite befasst haben. Da gab es einen Blog, da hatte ich mich immer gewundert, wo meine Beiträge geblieben sind, bis ich mitbekommen habe, dass der aus 4 Parallel-Strängen mit jeweils 2000 Beiträgen bestand. Aber das war ja nicht nur diese eine Webseite mit der abgezockt worden ist, sondern Hunderte, ja Tausende. Sehr schnell habe ich verstanden, dass das Phänomen der Abofallen gesteuert ist und nicht etwa zufällig entstanden ist. In der Spitze so gegen 2008/2009 gab es sicherlich 10 bis 12 und mehr Gruppierungen, von denen jede immer mehrere Projekte parallel laufen hatte. Das habe ich sehr schnell auch gemerkt, dass es zwar von Gruppierung zu Gruppierung graduelle Unterschiede im Betrieb der einzelnen Abofallen gibt, aber trotzdem so etwas wie eine zentrale Steuerung vorhanden gewesen sein musste. ...

AS: ... Nachdem Katja Günther und auch Olaf Tank sich aus dem Mahn-Business zurückgezogen haben und die Proinkasso in Insolvenz ist, fehlte den Abzockern die Hierarchieebene des nachrangigen Inkassos, die Generalstabsstelle, wenn Du so willst, also die wichtigste Stelle unter dem Kopf der Abofallenmafia. Zwar unterhält auch der Frankfurter Kreisel eine Inkassostruktur, die aber wahrscheinlich noch in den Kinderschuhen steckt, bzw. der noch die qualifizierte Person fehlt, weshalb es zum jetzigen Zeitpunkt so ungemein wichtig war, den Berliner Inkassodienst zu reaktivieren. ...

CF: Unglaublich, dann ist das Buch ja aktueller, als je zuvor?

AS: Exakt, da wird in nächster Zukunft noch mindestens einmal eine Inkassowelle über das Land hinwegrauschen, und das jetzt mit dem Vorbild meines Protagonisten an vorderster Stelle. Aber es kommt noch besser, Du hast ja gefragt, ob die Abzocker auf das Buch reagiert hätten. Na ja, zunächst nicht, aber nachdem er – na Du weißt schon wer – dem Andreas Sterntal eine Identität zugeordnet hatten, hat sich das Vorbild meines Protagonisten auf den Weg gemacht und die zugeordnete Identität besucht.

Ich habe zunächst auch gedacht, dass da jemand von irgend etwas zu viel genommen haben muss. Aber die Erzählung war absolut authentisch, dass das Vorbild meines Protagonisten die mir zugewiesene Identität in Begleitung seiner Rechtsanwältin, die er aber nicht als solche, sondern als seine Mitarbeiterin Katharina Schäfer vorgestellt hat, besucht hat.

CF: Du meinst, dass die Abzocker wirklich so dermaßen sozial isoliert sind, dass es ihnen nicht nur auffällt, sondern auch weh tut?

AS: ... Da gab es einen, der sich in einem öffentlichen Interview als „Buchhalter“ bezeichnet hat. Mir wurde später klar, dass er damit sogar unfreiwillig die Wahrheit gesagt hat, denn echte unternehmerische Tätigkeiten oder Entscheidungsfreiheiten kennt der gar nicht. Der ist Befehlsempfänger, wenn z.B. der Kopf der Abofallenmafia sagt: „wann Schluß ist, bestimme ich, nicht Du.“ Selbiger Abofallenbetreiber nennt sich selbst nach dem italienischen Mönch „Girolamo Savonarola“. Auch hier wurde mir erst ein wenig später klar, dass auch das eine unfreiwillige Selbstentblößung war. Natürlich, denn genau, wie der italienische Mönch, lebt er hinter seinem stacheldrahtbewehrten Hochsicherheitstrakt, wie in in einer Mönchsklause.

Quelle und vollständiges Interview: Inside Megadownloads.net